Noch 6 Tage, Jungs, noch 6 Tage!
Noch 6 Tage, Jungs, noch 6 Tage!
Ein guter Freund, einer der wenigen treuen Leser dieser abscheulichen Seite, sagte mir, ich schreibe zuviel über Fußball. Schade, dass er es so sieht, mir ist es sehr egal. Denn wenn diese Seite ein Konzept hat, dann dieses: ich schreibe, was ich will und nicht, was irgendjemand will. Kein persönlicher Angriff und natürlich bin ich immer noch süchtig nach reichlich Rückfutter und Kommentaren und so. Aber jetzt: Bundesliga, 22. Spieltag.
Was war das wieder für ein bekloppter Spieltag? Ich konnte die Sportschau am Samstag nciht zu Ende verfolgen und nun, da ich mich zu den Zusammenfassungen des Sonntags niedersetze, funktioniert das Ding nicht! Aber es geht auch so. Die Arminia war schon am Freitag dran, spielte 1:1 in Köln. Nach dem Spielverlauf ein durchaus glückliches Resultat, ein Punkt, aber der Vorsprung auf die Abstiegsränge ist dahin. Bochum und Cottbus taten uns nicht den Gefallen, sich unentschieden zu trennen. Der VfL gewann mit 3:2, auch dank eines umstrittenen Elfmeters. Hannover gewinnt auch noch, mitten in der Krise 1:0 gegen Bayer. Gibt´s doch nicht. Wenigstens hat der Rest verloren. Das ist der Abstiegskampf - die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, ein ständiger Kampf aller gegen aller, Bereicherung auf Kosten anderer.
Aber warum bekloppt? Auf dieser Seite gibt es kein Phrasenschwein, deshalb flüstere ich nun mit weiser Stimme den Satz:"Im Fußball ist nichts sicher, außer der Überraschung". Ich meine: Hoffenheim gewinnt schon wieder nicht, Hertha ist schon wieder Tabellenführer, Fandel verpfeift ein Spiel, Bayern spielt nur 0:0 in Bremen, Wolfsburg ist plötzlich ein Spitzenteam. Die Wölfe gewannen nämlich 3:1 beim HSV und das gerade als ich (relativ) kruz davor war, meinen Meistertipp von Bayern in Hamburg umzubenennen. Aber so wird es immer und immer spannender und immer und immer verrückter.
Noch was Schlimmes. Mein kleiner Bruder hat mich an diesem Spieltag mit 5:1 beim Tippen entzaubert und jetzt macht der mich dauernd fertig.
Werther,
Landestheater/Grabbe-Haus Detmold
Will und ich setzten gestern Abend das in die Tat um, was wir uns
schon so lang vorgenommen hatten: den Besuch der
Werther-Inzenierung im Grabbe-Haus in Detmold. Alexander Frank
Zieglarski hat aus den "Leiden des jungen Werther" von Goethe ein
Solotheaterstück geschaffen und die Rolle gleich selbst übernommen.
Nicht, dass man etwas jemanden wie den
Werther in Geld aufwiegen könnten, aber die 6€ (mit Dank an
Will
) haben sich zweifellos gelohnt.
Aus den Kritiken und meiner bescheidenen Erfahrung mit den
Landestheater-Produktionen wurde ersichtlich, dass es sich nur um
eine recht moderne Inszenierung des Stoffes handeln konnte. Etwas
überrascht war ich dann aber doch, als die erste Szene mit der
ersten Strophe des altbekannten "Du schreibst Geschichte" der
Madsens eingeleitet wurde. Und doch: auf wen passt dieses Lied
besser als auf unseren Werther, der seine Geschichte selbst
schreibt und so herrlich unangepasst nur das tut, was sein Herz ihm
sagt (Sportfreunde Stiller?)? Ein Holzverschlag mit Wellblechdach
stellt die Kulisse dar. Nicht das einzige, was in dieser Mixtur aus
alt und neu an das Dasein vor Edgar Wiebeau aus Plenzdorfs "neuen
Leiden des jungen W." erinnert.
Der Text richtet sich größtenteils nach Goethes Briefroman. Die
wichtigsten Zeilen dürfen natürlich nicht fehlen: Werther ist immer
noch so froh, dass er weg ist; es ist immer noch ein einförmiges
Ding um das Menschengeschlecht, er kehrt in sich selbst zurück und
findet eine Welt und dann war da auch noch die Bekanntschaft, die
sein Herz näher angeht. Eine Lotte gibt es nicht, vielleicht auch,
weil dieses Ideal einfach zu groß ist.
Mit viel Leidenschaft und Kreativität geht Zieglarski die bewegte
und bewegende Geschichte an. Immer wieder hantiert er mit
Requisiten wie Regenschirm und Gitarre, singt, tanzt, macht
Liegestützen, telefoniert. Die nicht immer ganz einfache Mischung
aus klassischem Text und moderner Kulisse ist ab und an Gold wert,
bspw. wenn Werthers Euphorie im entscheidenden Moment durch
Autolärm ausgebremst wird. Das Stück wird durch scheinbar
gegensätzliche Elemente wie Pop-/Countrymusik ("King of the Road")
und andere Goethe-Texte ("Willkommen und Abschied", muss man auch
erst erkennen, ne
) ergänzt. Eine Art Tagesschau-Sprecher in
einem Fernseh-Bildschirm spielt den Wilhelm. Und das Spielen mit
der Soffleuse und der Vorlage ("immer dieser Goethe") fehlt auch
nicht, ist bei Aufführungen im Grabbe-Haus aber schon eine
Selbstverständlichkeit. Der gelungene erste Teil weicht einem
zweiten Buch, das lieblos und fast unfreiwillig einfach
heruntergespielt wird. Blödes Leben, blöde Gesellschaft, blöder
Albert. Das Ende wird also ziemlich schwach vorbereitet.
Aber dann der Selbstmord. Leute, allein für diesen Selbstmord lohnt
es sich, dieses Stück zu sehen!!! Ich habe noch nie etwas so
geniales auf einer Theaterbühne gesehen wie diese Szene. Etwas
obskur ist es schon, Werther erschießt sich nicht, sondern begießt
sich erst mit Benzin und stirbt dann an einem Stromschlag, auch das
eine Parallele zu Edgar. Das geht ordentlich ab. Wilhelm als
Tagesschau-Sprecher liest dann noch den Epilog ("Handwerker trugen
ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.") und gibt sich auch noch
die Kugel. Keine Ahnung, warum.
Der Werther ist das Buch, das mich bisher am meisten bewegt hat und
von dem ich am meisten gelernt habe. Werther ist mehr als eine
Fiktion, Werther lebt, Werther ist mein Freund. Viele halten den
Werther für Kitsch, aber wer ihn wie ich dreimal gelesen, der liebt
ihn mit jedem Mal mehr. Beim ersten Mal in der Schule war es okay,
beim zweiten Mal im April 2008 war es wie eine Offenbarung. Warum?
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht weil dieser Mann mit seiner
Leidenschaft und seiner Kompromisslosigkeit das lebt, was wir gerne
wären: sein eigenes Leben mit Luft und Liebe, ohne zu fragen, was
andere von ihm denken. Wir wären gern ein bisschen mehr Werther.
Ich jedenfalls.
U2 haben gestern ein Promo-Konzert für ihr neues Album gespielt. Nicht irgendeins. Auf dem Dach des BBC-Gebäudes in London vor 5000 Zuschauern.
Es gibt ja wohl nur eines, was geiler ist, als bei so einem Konzert dabei zu sein (muss ja nicht U2 sein): selbst da oben zu stehen.
Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen,
Fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein unter die Verkäufer.
Bertolt Brecht
Bin gerade wieder begeistert und beeindruckt vom B.B. und außerdem passen die Zeilen zu heute Abend.
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