"Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann
Erster Satz: Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit - gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde ( so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde fvorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin.
Letzter Satz: Und hoch, stürmischer als beim iberischen Blutspiel, sah ich unter meinen glühenden Zärtlichkeiten den königlichen Busen wogen.
Seiten: 396
Mit Bedacht wollte mein erstes Buch von Thomas Mann, immerhin Nobelpreisträger, ausgesucht sein. "Buddenbrooks" war mir zu kompliziert, "Der Zauberberg" zu lang. Jemand hatte mir für den Anfang "Tod in Venedig" und "Tonio Kröger" - sprich die Novellen - empfohlen. "Tod in Venedig" konnte ich nicht finden und auf "Tonio Kröger" hatte ich schlicht keine Lust. Also entschied ich mich für "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull".
Keine schlechte Wahl. Felix Krull kommt aus einer mittelständischen Familie und macht sich nach dem Selbstmord seines Vaters auf den Weg nach Paris, wo er als Liftboy und Kellner arbeitet. Durch sein ganzes Leben zieht sich eine Leidenschaft für Täuschung und Hochstapelei. Als schuleschwänzender Simulant angefangen, spielt er zunächst einen epileptischen Anfall bei seiner Musterung vor (tolle Szene!), um dann mit einem unglücklichen Marquis die Rollen zu tauschen und statt seiner um die Welt zu reisen.
Keine Lust auf eine große Interpretation, aber Thomas Mann befasst sich hier mit einem Thema, das wohl jeder nachvollziehen kann: der Wunsch, jemand anders zu sein oder zumindest sich selbst den Anschein einer höheren Stellung (in welcher Hinsicht auch immer) zu geben. Andererseits aber auch die Menschheit, die sich so leicht von Äußerlichkeiten dieser "Chamäleons" täuschen lässt.
Thomas Manns "Zwei Sätze, eine Seite"-Prinzip ist sicher gewöhnungsbedürftig und an einigen Stellen hätte einiges auch weit schneller und unkomplizierter abgehandelt werden können. Drei Seiten lang sinniert Krull über seinen Diebstahl im Süßwarengeschäft, zehn Seiten nimmt sein Museumsbesuch in Anspruch. Aber: die Sprachakrobatik von Thomas Mann ist der erste Grund, dieses Buch zu lesen. Sehr genial! Das Buch ist insgesamt eigentlich nicht allzu schwer zu lesen und an den genannten Stellen darf man auch ruhig einmal vorblättern. Es wird auf jeden Fall nicht mein letztes Mann-Buch gewesen sein. Vorschläge für das nächste?
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