Mich persönlich plagt schon länger das Gefühl, in der Chefetage von Sport-Bild, Europas warum auchimmer erfolgreichster Sportzeitschrift, wehe ein frischer Wind. So frisch, dass er den hohen Herren allen Fußballverstand aus den Hirnwindungen geblasen hat.
Aber der Reihe nach. Es gab in den vergangenen Jahren kleinere Anzeichen dafür, dass es mit der deutschen Mecker-Kultur zu Ende gehen könnte, insbesondere nach der WM 2006. Doch hieß damals bei den Springer-Blättern noch jedes dritte Wort "schwarz-rot-geil", so wird nach der soeben verstrichenen EM 2008 plötzlich der Untergang des Abendlandes, mindestens aber des deutschen Fußballs heraufbeschworen.
Oder wie soll man sich das erklären, was der stellvertretende Sport-Bild-Chefredakteur Alexander Steudel, ein rechter Ausbund an Inkompetenz, auf der Website der Zeitschrift von sich gibt:
Ich muss endlich meine Depression bekämpfen. Ich muss die deutsche Blamage im EM-Finale abhaken und so tun, als habe dieses Ereignis nie stattgefunden.
Depression? Blamage? Ja, Deutschland hat nur vier Mal im Finale aufs Tor geschossen und auch sonst nicht gut gespielt. Aber Finale ist Finale und Zweiter ist besser als Dritter oder sonst was. Und Millionen Deutsche haben dieses Spiel und vor allem den Weg dorthin genossen. Eine Frage noch, Herr Steudel: Was haben Sie dann eigentlich bei den Turnieren 2000 und 2004, damals noch bei der Welt, zur deutschen Leistung geschrieben?
Weitere Weisheiten aus Steudels Feder finden sich in der heutigen Printausgabe:
(...) Die Zukunft gehört ganz bestimmt nicht der Löw´schen Mauertaktik (...) Wir wollen ganz bestimmt keine trägen Arne Friedrichs mehr sehen, diese fleischgewordenen Rückpässe.
Jogi Löw hat in zwei Jahren Bundestrainertätigkeit ganze vier Spiele verloren. Bisweilen begeisternden Offensivfußball geboten. Was also meint Steudel mit "Mauertaktik"? Zwei Jahre lang spielte Löw 4-4-2, stellte erst vor einer Woche auf 4-5-1 um. Das System übrigens, das eine ganze Reihe europäischer Spitzenteams spielt. Löw fuhr gut mit der Umstellung. Arne Friedrich, das nur nebenbei, ist in der Tat weder der spielfreudigste noch der auffälligste Außenverteidiger, hatte aber Cristiano Ronaldo (bester Spieler der Welt, auch das nur nebenbei) besser im Griff als jeder andere Verteidiger bei diesem Turnier. Was dazu führte, dass wir Ronaldos Urlaubsfotos nebst Freundin bei Steudels Artgenossen von der Bild bestaunen durften, während die deutschen Spieler in Österreich noch ihrem Job nachgingen.
Steudel und Konsorten kommen sich wohl ganz herausragend aufgeklärt vor, die letzten Erleuchteten, die sich nicht von public viewing und Schweinsteigers Siegerhut blenden lassen. Natürlich war es kein überragendes Turnier, aber doch ein erfolgreiches. 2006 wurden wir übrigens Dritter. 2008 sind wir Zweiter. Vielleicht kommt auch der Tag, an dem sich auch Leute wie Alexander Steudel einfach darüber freuen können.
Ich bezweifle, dass ich diesen Tag als Sport-Bild-Abonnent erleben werde. Wie viel kostet ein kicker-Abo?
Kommentare