Eine Tendenz ist in der neuen "Wetten, dass ..."-Staffel absolut
unübersehbar. Spektakulärer, gefährlicher sollen die Wetteinsätze
von Thomas Gottschalk bei der Saalwette sein, mal auf Lachkrampf-,
mal auf Nervenkitzelniveau. Nichts mehr mit Wohnung streichen und
Babysitten. Bei der Show gestern Abend wurde es richtig eng. Weil
ein paar Verrückte sich ihre Hosen ohne Hände anziehen konnten,
musste sich Gottschalk von einem Messerwerfer quälen lassen. Ich
fragte mich: Was ist, wenn da was schief geht? Wenn der
Messerwerfer vor zehn Millionen Fernsehzuschauern nervös wird und
dem Gottschalk die Klinge live ins Auge haut? Es ist noch einmal
gut gegangen.
Die Gästeliste für den gestrigen Abend las sich einigermaßen
eindrucksvoll: Hugh Jackman und Nicole Kidman aus Hollywood,
Sängerin Anastacia, Lewis Hamilton, Norbert Haug, Rick Kavanian,
Til Schweiger, Alexandra Neldel und Ursula von der Leyen. Natürlich
war es ausnahmslos die gewohnte Promotion-Zeremonie für aktuelle
Filme, dennoch bleibt anerkennend zu fragen: Welcher deutschen
TV-Show gelingt es noch, den - niemand wurde müde, es zu
wiederholen - "sexiest man alive" einzuladen? Es gibt wohl keine
Sendung, in der auch nur einer der internationalen Stars auftreten,
geschweige denn länger bleiben würde.
Über Wichtiges wurde nur am Rande geredet und wenn, dann wenig
Erhellendes: "Alkohol am Steuer, das ist auch nicht gut" (N.
Kidman). Jeder durfte in Ruhe sein neuestes Produkt promoten und
noch mehr als sonst fiel auch Thomas Gottschalk in diesen Chor ein,
schließlich spielt auch er in Til Schweigers neuestem Film eine
Gastrolle. Lustig wurde es leider nie; Rick Kavanian, der wohl für
diesen Teil vorgesehen war, sagte komischerweise kaum ein
Wort.
Erwähnenswert waren vor allem zwei Auftritte. Zum einen der von
Familienministerin Ursula von der Leyen, die einen lockeren
Auftritt hinlegte, wie man ihn einer Politikerin kaum zugetraut
hätte. Sie war eindeutig der Höhepunkt dieses manchmal etwas drögen
Abends. Zum anderen die kurze Gesangseinlage von Johannes Heesters,
der bekanntlich seinen 105. Geburtstag feierte. Auch hier ist
"Wetten, dass ..." wohl die einzige Sendung, für die Heesters noch
die Beschwerlichkeiten eines Live-Auftritts auf sich nimmt. Die
Musik-Acts sahen dagegen eher dürftig aus: Tom Jones, Pussycat
Dolls, Anastacia, viel mehr war nicht. Aber das ist natürlich auch
Geschmackssache.
Gewettet wurde auch, wobei Ursula von der Leyen sichtlich froh war,
dass ihr kleiner Bub es wie auch immer schaffte, in einer Mülltonne
15 Handstände zu produzieren. Andernfalls hätte die CDU-Politikerin
eine Wahlkampfrede für die Linken halten müssen, was sicherlich
auch interessant gewesen wäre. Die anderen Promis kamen dagegen
recht unspektakulär davon. Wettkönig wurde schließlich ein Typ, der
mit einem Becher Würfel auf Nägel stapeln konnte. Manche Leute
haben wirklich nichts zu tun.
Thomas Gottschalk zeigte Licht und Schatten. Wieder einmal kam der
Showmaster katastrophal vorbereitet auf die Bühne: er verwechselte
Timo Glock und Sebastian Vettel, vergaß den Namen von Thomas
Hitzlsperger und patzte sogar beim Alter seines geliebten "Jopie"
Heesters. Immerhin, blöde Sprüche gab es diesmal kaum, er fasste
keine Frauen an und überzog auch nur 20 Minuten. Aber egal, was
geschieht: der Charme und die Eloquenz Gottschalks sind einzigartig
und unnachahmlich.
Die Abgesänge, die seit Monaten und Jahren in vielen Feuilletons,
vor allem beim Spiegel, zu lesen sind, kommen also verfrüht. Denn
auch am gestrigen Abend zog Gottschalk ein positives Fazit am Ende
der Show: "Wir werden diese Sendung konservieren und jeden Samstag
senden". Das nun nicht unbedingt. Aber bei allen Schwächen und bei
aller Schlag-den-Raab-Konkurrenz bleibt erneut als Erkenntnis des
langen Abends in der Schwabenmetropole: das deutsche Fernsehen
braucht "Wetten, dass ..." - mangels Alternativen.
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Blog erstellt am: : 09/06/07 Zuletzt aktualisiert : 17/10/11 15:15 / 1161 veröffentlichte Einträge
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