Werther,
Landestheater/Grabbe-Haus Detmold
Will und ich setzten gestern Abend das in die Tat um, was wir uns
schon so lang vorgenommen hatten: den Besuch der
Werther-Inzenierung im Grabbe-Haus in Detmold. Alexander Frank
Zieglarski hat aus den "Leiden des jungen Werther" von Goethe ein
Solotheaterstück geschaffen und die Rolle gleich selbst übernommen.
Nicht, dass man etwas jemanden wie den
Werther in Geld aufwiegen könnten, aber die 6€ (mit Dank an
Will
) haben sich zweifellos gelohnt.
Aus den Kritiken und meiner bescheidenen Erfahrung mit den
Landestheater-Produktionen wurde ersichtlich, dass es sich nur um
eine recht moderne Inszenierung des Stoffes handeln konnte. Etwas
überrascht war ich dann aber doch, als die erste Szene mit der
ersten Strophe des altbekannten "Du schreibst Geschichte" der
Madsens eingeleitet wurde. Und doch: auf wen passt dieses Lied
besser als auf unseren Werther, der seine Geschichte selbst
schreibt und so herrlich unangepasst nur das tut, was sein Herz ihm
sagt (Sportfreunde Stiller?)? Ein Holzverschlag mit Wellblechdach
stellt die Kulisse dar. Nicht das einzige, was in dieser Mixtur aus
alt und neu an das Dasein vor Edgar Wiebeau aus Plenzdorfs "neuen
Leiden des jungen W." erinnert.
Der Text richtet sich größtenteils nach Goethes Briefroman. Die
wichtigsten Zeilen dürfen natürlich nicht fehlen: Werther ist immer
noch so froh, dass er weg ist; es ist immer noch ein einförmiges
Ding um das Menschengeschlecht, er kehrt in sich selbst zurück und
findet eine Welt und dann war da auch noch die Bekanntschaft, die
sein Herz näher angeht. Eine Lotte gibt es nicht, vielleicht auch,
weil dieses Ideal einfach zu groß ist.
Mit viel Leidenschaft und Kreativität geht Zieglarski die bewegte
und bewegende Geschichte an. Immer wieder hantiert er mit
Requisiten wie Regenschirm und Gitarre, singt, tanzt, macht
Liegestützen, telefoniert. Die nicht immer ganz einfache Mischung
aus klassischem Text und moderner Kulisse ist ab und an Gold wert,
bspw. wenn Werthers Euphorie im entscheidenden Moment durch
Autolärm ausgebremst wird. Das Stück wird durch scheinbar
gegensätzliche Elemente wie Pop-/Countrymusik ("King of the Road")
und andere Goethe-Texte ("Willkommen und Abschied", muss man auch
erst erkennen, ne
) ergänzt. Eine Art Tagesschau-Sprecher in
einem Fernseh-Bildschirm spielt den Wilhelm. Und das Spielen mit
der Soffleuse und der Vorlage ("immer dieser Goethe") fehlt auch
nicht, ist bei Aufführungen im Grabbe-Haus aber schon eine
Selbstverständlichkeit. Der gelungene erste Teil weicht einem
zweiten Buch, das lieblos und fast unfreiwillig einfach
heruntergespielt wird. Blödes Leben, blöde Gesellschaft, blöder
Albert. Das Ende wird also ziemlich schwach vorbereitet.
Aber dann der Selbstmord. Leute, allein für diesen Selbstmord lohnt
es sich, dieses Stück zu sehen!!! Ich habe noch nie etwas so
geniales auf einer Theaterbühne gesehen wie diese Szene. Etwas
obskur ist es schon, Werther erschießt sich nicht, sondern begießt
sich erst mit Benzin und stirbt dann an einem Stromschlag, auch das
eine Parallele zu Edgar. Das geht ordentlich ab. Wilhelm als
Tagesschau-Sprecher liest dann noch den Epilog ("Handwerker trugen
ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.") und gibt sich auch noch
die Kugel. Keine Ahnung, warum.
Der Werther ist das Buch, das mich bisher am meisten bewegt hat und
von dem ich am meisten gelernt habe. Werther ist mehr als eine
Fiktion, Werther lebt, Werther ist mein Freund. Viele halten den
Werther für Kitsch, aber wer ihn wie ich dreimal gelesen, der liebt
ihn mit jedem Mal mehr. Beim ersten Mal in der Schule war es okay,
beim zweiten Mal im April 2008 war es wie eine Offenbarung. Warum?
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht weil dieser Mann mit seiner
Leidenschaft und seiner Kompromisslosigkeit das lebt, was wir gerne
wären: sein eigenes Leben mit Luft und Liebe, ohne zu fragen, was
andere von ihm denken. Wir wären gern ein bisschen mehr Werther.
Ich jedenfalls.
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Blog erstellt am: : 09/06/07 Zuletzt aktualisiert : 17/10/11 15:15 / 1161 veröffentlichte Einträge
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