Die Hermannsschlacht - eine deutsche Betrachtung (nach C. D. Grabbe), Landestheater Detmold
JMS und ich besuchten heute Abend
diese Aufführung. Leider gab man uns die schlechtesten Plätzen, wir
konnten uns nicht bewegen und es war schrecklich eng. Egal. Hier im
Lipperland ist der Hermann Kult. Da interessiert es wenig, dass die
sagenumwobene Varusschlacht wohl doch nicht in dieser Gegend
stattgefunden hat. Aber das Denkmal steht nun einmal hier - und mit
welch sehnsuchtsvollem Blick sah man damals in diesen Mathe-Stunden
hinüber zum berg, auf dem der Held das Schwert stolz Richtung
Frankreich reckt. Da dachte man dann daran, vielleicht auf
römischen Knochen seine Gleichungen zu lösen und wenn die Lehrkraft
nicht schaute, sammelte man Ideen für das Hermann-Filmprojekt, das
wie alle anderen Projekte jener Zeit im Sand verlaufen ist.
Nach regionalem Anstrich fahndet man in der Inszenierung am
Landestheater Detmold, das im Varusjahr 2009 natürlich seiner
kulturellen Verpflichtung nachzukommen sucht, aber vergeblich.
Intendant Kay Metzger hatte höchstpersönlich die Regie übernommen
und aus dem angeblich so nationalistischen Stück eine kategorische
Absage an Vaterland und Nationalstolz gemacht. All das auf manchmal
unterhaltsame, viel zu oft aber befremdliche Art und Weise.
Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Geschichte, der alles
zusammenwirft, was er am Wegesrand findet. Der Beginn: unter
Fliegeralarm rezitiert das Ensemble Erich Kästners Gedicht "Kennst
Du das Land, wo die Kanonen blühen" mit dem unheilsschweren
Schlussvers "Du kennst es nicht / Du wirst es kennenlernen." Es
folgt "Kein schöner Land". Undsoweiterundsofort. Alles, was den
deutschen Michel ausmacht, nimmt das Stück auf die Schippe:
Volksmusik, die karikierte Schlafmützigkeit, Gartenzwerge und
Schützenvereine. Selten mit Humor, aber dafür meistens mit
erhobenem Zeigefinger und einem unhörbaren "Du darfst nicht
...".
Und so wird alles collagiert, was mit deutscher Geschichte und
Identität zu tun hat - natürlich nur Negatives und Schändliches. Da
wird frohgemut das Horst-Wessel-Lied gesungen und ein junger,
überzeugter Nationalist meldet sich zum Frontdienst, um kurz danach
den ehrenhaften und doch so jämmerlichen Tod auf dem Schlachtfeld
zu sterben. Ständig werden diese Bruchstücke in den eigentlichen
Stoff gemischt - die Hermannsschlacht. Die Geschichte ist schnell
erzählt: Hermann lockt als Mitglied der römischen Truppen Varus und
seine Legionen in einen Hinterhalt (im Hintergrund skandiert man
"Wir sind das Volk"), wo sie von den germanischen Stämmen in drei
Tagen und drei Nächten abgeschlachtet werden. Davon sieht man
wenig, nur eine (im Wortsinn) Schlammschlacht zwischen Varus und
Hermann, ein Rededuell, an dessen Ende sich Varus einen Eimer mit
Schlamm über den Kopf stülpt, was wohl seinen Tod bedeuten soll.
Die Nächte werden übrigens von einem Nummerngirl angezeigt und das
ist einfach nur peinlich.
Hermann hat die Schlacht gewonnen, nun heißt es Platz machen für
Adolf Hitler - seinen Nachfolger, wie das Stück es will. Wieder
einmal wird zusammengemischt, was nicht zwangsläufig zusammen
gehört. Hitler (den man auf dem Theater anscheinend in mindestens
einer Szene lächerlich darstellen muss, sonst ist man wohl
politisch unkorrekt) im Bademantel. Er spricht zu seiner Armee: ein
paar Gartenzwerge in Hermann-Gestalt. In einer späteren Szene
erweckt der Führer in Rattenfänger-Manier die gefallenen Soldaten
des Dreißigjährigen Krieges und Ersten Weltkrieges. Natürlich
gehört Hitler auch der Schluss mit einem seltsamen Monolog, an
dessen Ende er verschwindet und sich erschießt.
Was also wollen uns Kay Metzger und Co. damit vermitteln? Hermann
und Hitler gleichstellen? Es ist schrecklich, dass es anscheinend
nicht möglich ist, eine Aufführung über eines der wichtigsten
Ereignisse der deutschen Geschichte, gleichsam die Basis alles
nachfolgenden Guten und Schlechten, zu produzieren, ohne dabei das
leidige Thema Nationalsozialismus in den Vordergrund zu stellen.
Niemand will dieses Thema totschweigen, wie öfter in dem Stück
angedeutet, aber unstrittigerweise hat die deutsche Geschichte mehr
hervorgebracht als größenwahnsinnige Diktatoren und pflichtbewusste
Soldaten. Doch darüber verliert in der "Hermannsschlacht" niemand
ein Wort. Die Botschaft, die dieses Stück zwischen den Zeilen zu
vermitteln versucht, ist mehr als fragwürdig.
Ein gesunder deutscher Patriotismus oder Nationalstolz wird in der
"Hermannsschlacht" von vornherein als verwerflich, schädlich
abgetan. Dabei ist Deutschland mit ausgeglichenen Betrachtungen
seiner Geschichte und seiner selbst nicht gerade gesegnet.
Nationalität sei keine Qualität, nur eine Erwartung anderer.
Anscheinend gibt es auf dieser Welt nur eine Nation: die Menschen.
Apropos Mensch: Bevor der Vorhang fällt, versammeln sich alle
Darsteller auf der Bühne zu einer Grillparty und Hermann singt, in
Pagenlivree und etwas schief, Herbert Grönemeyers "Mensch". Soviel
dazu.
So besteht dieses Stück neben dem Hermann-Stoff nur aus hitlergrußzeigenden SS-Männern und den Briefen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ab und zu noch etwas mehr wie ein 68-er Gespräch oder ein Auszug aus dem RAF-Programm. Das ist mitunter ganz nett anzuschauen, doch eine Verbindung zwischen den einzelnen Szenen will sich meistens nicht einstellen. Da durfte mehr erwartet werden. Und so kam mir der Applaus am Ende auch eher als eine Höflichkeitsgeste, kurz und kühl, als wie eine begeisterte Anerkennung vor.
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