Während Matthias
Richlings "Satire-Gipfel" als Scheibenwischer-Nachfolger anläuft,
geht die Zeit von "Schmidt & Pocher" unweigerlich dem Ende
entgegen. Beobachtungen an einem Satire-Abend im
Ersten.
Das breite Grinsen, mit dem sich Matthias Richling gestern Abend am
Ende seiner neuen Show verbeugte, war eine Mischung aus Glück und
Erleichterung. Mit dem "Scheibenwischer" ist eine Institution vom
Bildschirm verschwunden, der Übergang zum Nachfolger "Der
Satire-Gipfel" verlief nicht ganz geräuschlos. Gerne hätte Richling
den traditionsreichen Namen beibehalten und nur das Konzept
geändert, doch dieser Plan scheiterte am Veto von Erfinder Dieter
Hildebrandt, der sich über Anwalt und Medien zu Wort gemeldet
hat.
Viel ist tatsächlich nicht übrig geblieben vom Scheibenwischer. Das
ist durchaus Absicht, dem Vergleich mit dem Vorgänger wird das neue
Format mit dem großspurigen Namen dennoch nicht entgehen. Die
Kulissen wurden entrümpelt, Monitore angebracht und die Bühne
vergrößert. Grund genug für einen Glückwunsch, findet Richling in
seiner Begrüßung, "Sie haben eine neue Satireshow gewonnen." Neu
sind aber vor allem die Gesichter. Der grantlige Richard Rogler und
Bruno Jonas haben das Boot verlassen, nur Richling, der immer noch
aussieht wie ein Schuljunge, rudert weiter.
Politisches Kabarett ist es, was der Zuschauer sich seit
Jahrzehnten vom Scheibenwischer (ich kann mir nicht helfen,
Scheibenwischer bleibt Scheibenwischer) erwartet. Richling als
neuer Frontmann sieht das zwar auch so, aber lockerer als Übervater
Hildebrandt: er öffnet die Türen für Comedy, auch wenn die Grenze
fließend ist. An Substanz hat der Scheibenwischer in seiner letzten
Zeit ohnehin verloren, er lebte größtenteils von seiner Tradition.
Politisches Kabarett gab es nur noch im ZDF bei "Neues aus der
Anstalt" zu sehen und in den "Mitternachtsspitzen" im WDR (gibt´s
die noch?).
Und so wird das Hauptproblem der neuen Sendung schnell klar. Das
politische Geschehen kritisch und ironisch zu begleiten ist der
Anspruch, aber manche Ensemblemitglieder sind dafür schlicht
ungeeignet. Ingolf Lück zum Beispiel. Der Comedian aus Bielefeld
war mit einer blamablen Strip-Performance zumindest mitschuldig am
Reich-Ranicki-Eklat beim Fernsehpreis. Auch sonst zeigt sich Lück
gern halbnackt auf der Bühne, ohne dabei witzig zu sein. Beim
"Satire-Gipfel" versucht er ein paar Lacher über die Abwrackprämie
zu erhaschen, wirklich erfolgreich ist er aber auch dabei
nicht.
Die gute Nachricht: Lück blieb gestern die Ausnahme. Richling ist
als alter Hase eine Konstante und als Parodist immer wieder schön
anzusehen. Diesmal in der Rolle von Wirtschaftsminister Guttenberg.
Die weiteren "Gäste" überzeugen: der junge Matthias Seling
verkörpert perfekt die sinnvolle - und vor allem lustige - Kreuzung
zwischen Kabarett und Comedy, Philipp Weber und Frank Lüdeke werden
wohl auch noch öfter im Satire-Gipfel auftreten.
Die Blutauffrischung hat der Sendung gutgetan. Es fehlt noch
einiges zum Scheibenwischer-Kaliber, doch die erste Ausgabe hat
gezeigt, dass Potential in der Show steckt. Die Modernisierung der
Bühnenausstattung war lange überfällig und eröffnet mehr
Möglichkeiten. Als Schwachpunkt könnte sich die mangelnde
Abstimmung zwischen den Künstlern herausstellen, da es keine
Stammbesetzung mehr gibt. Ob sich der Satire-Gipfel wirklich
durchsetzen kann, das muss und wird sich noch herausstellen.
"Schmidt & Pocher" haben das bereits hinter sich. Auf dem
Quotenmarkt hat das prominente Duo erstaunlich wenig gerissen, im
Mittelpunkt stand die Show meist nur wegen Nazometern, obszönen
Gästen und Stauffenberg-Parodien. Seit klar ist, dass die Liaison
demnächst beendet wird, geben sich die beiden anscheinend nicht
einmal mehr richtig Mühe, lustig sein. Ein, zwei gute Sprüche in
den Stand-ups am Anfang, mehr kommt meist nicht.
In den fast anderthalb Jahren haben die beiden einiges ausprobiert.
Bayern-WG, Parodien, Helmut Zerlett, Fernsehschnipsel wie bei TV
Total und vieles mehr. Als wirklich effektiv hat sich nichts davon
erwiesen, so dass sowohl Harald Schmidt als auch Oliver Pocher am
Ende wohl unbefriedigt aus der Verbindung hervorgehen. Gestern ein
ähnliches Bild: langweilige Gäste (eine versiffte Seriencrew eines
unbekannten Senders), kein wirklicher Kracher. Olli Pocher begibt
sich als Marc Terenzi zum Sarah-Connor-Konzert und als
Heiratsschwindler nach Zürich. Wie in den meisten Ausgaben ist der
Studiosketch, bei dem Schmidt, Pocher und Zerlett diesmal die
Finanzkrise als Kasperletheater spielten, der Höhepunkt.
Nun geht wohl jeder seinen eigenen Weg. Aus Schmidts Umfeld
(Kogler!) wurde bereits früh laut, er wolle im Superwahljahr
politischer werden. Mit Oliver Pocher, zugegebenermaßen ein guter
Parodist, aber noch nicht besonders symbolträchtig, ist das
offenbar nicht zu machen. In den ARD-Gremien genießt der junge
Comedian keinen guten Ruf, dafür hat er aber in Programmchef Volker
Herres einen mächtigen Fan. Doch was hilft´s, wenn Pocher
anscheinend den Weg zu RTL anstrebt. Mit Günter Jauch hat er
bereits eine Probesendung für seine neue Show aufgezeichnet.
Im Satire-/Kabarett-/Comedy-Genre oder wie man es nennen möchte tut
sich also nicht viel in öffentlich-rechtlichen Sphären. Auf diesem
Gebiet befindet sich das Privatfernsehen längst auf der Überholspur
- mit Switch Reloaded, Stefan Raab und (schändlich zu sagen) auch
Mario Barth. Bei ARD und ZDF ist der gute Witz und die intelligente
Satire selten geworden. Einfach ist es wohl nicht, den
öffentlich-rechtlichen Anstalten geziemenden Mittelweg zwischen
Niveau und massenverträglicher Comedy zu finden. Ausnahmen gibt es
aber doch: "Pelzig unterhält sich" und - wenn auch nicht politisch
- "Die Krömer-Show", wo sich Sendung für Sendung mit spleenigen
Moderatoren Szenen zwischen Genie und Wahnsinn zutragen. Noch
allerdings versteckt die ARD diese Formate konsequent nach
Mitternacht oder in Regional- und Digitalkanälen.
Home
Blog erstellt am: : 09/06/07 Zuletzt aktualisiert : 17/10/11 15:15 / 1161 veröffentlichte Einträge
Kommentar hinterlassen
3 Kommentar(e)
-
Na klar, der Dittsche. Den habe ich neulich nach langer Zeit wieder gesehen und es perlt immer noch bei ihm ^^ er meinte, A. Schwarzenegger solle an Angela Merkel angeschlossen werden, um ihr seine Terminator-Kräfte zu übertragen ...
@D: Du ganz bestimmt nicht ;) Ist mir aber auch egal, das sind so ein paar möchtegern-journalistische Übungen und außerdem versuche ich so zu tun, als ob ich von allem möglichen Ahnung habe ...
-
Justus Jonas fehlt in der Show wirklich. Er, Richling und der Preusse zusammen waren unschlagbar. Jetzt gibt es nur noch Neues aus der Anstalt.
Aber wie konntest du in der Aufzählung nur Dittsche vergessen. Der darf im Superwahljahr doch nicht fehlen
-
Meinst du jemand liest so ein monstertext??
Kommentare