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Der Königsweg der Spaßgaleere ...  (Gesehen) Verfasst: Freitag, den 20. März 2009 13:11

Während Matthias Richlings "Satire-Gipfel" als Scheibenwischer-Nachfolger anläuft, geht die Zeit von "Schmidt & Pocher" unweigerlich dem Ende entgegen. Beobachtungen an einem Satire-Abend im Ersten.

Das breite Grinsen, mit dem sich Matthias Richling gestern Abend am Ende seiner neuen Show verbeugte, war eine Mischung aus Glück und Erleichterung. Mit dem "Scheibenwischer" ist eine Institution vom Bildschirm verschwunden, der Übergang zum Nachfolger "Der Satire-Gipfel" verlief nicht ganz geräuschlos. Gerne hätte Richling den traditionsreichen Namen beibehalten und nur das Konzept geändert, doch dieser Plan scheiterte am Veto von Erfinder Dieter Hildebrandt, der sich über Anwalt und Medien zu Wort gemeldet hat.

Viel ist tatsächlich nicht übrig geblieben vom Scheibenwischer. Das ist durchaus Absicht, dem Vergleich mit dem Vorgänger wird das neue Format mit dem großspurigen Namen dennoch nicht entgehen. Die Kulissen wurden entrümpelt, Monitore angebracht und die Bühne vergrößert. Grund genug für einen Glückwunsch, findet Richling in seiner Begrüßung, "Sie haben eine neue Satireshow gewonnen." Neu sind aber vor allem die Gesichter. Der grantlige Richard Rogler und Bruno Jonas haben das Boot verlassen, nur Richling, der immer noch aussieht wie ein Schuljunge, rudert weiter.

Politisches Kabarett ist es, was der Zuschauer sich seit Jahrzehnten vom Scheibenwischer (ich kann mir nicht helfen, Scheibenwischer bleibt Scheibenwischer) erwartet. Richling als neuer Frontmann sieht das zwar auch so, aber lockerer als Übervater Hildebrandt: er öffnet die Türen für Comedy, auch wenn die Grenze fließend ist. An Substanz hat der Scheibenwischer in seiner letzten Zeit ohnehin verloren, er lebte größtenteils von seiner Tradition. Politisches Kabarett gab es nur noch im ZDF bei "Neues aus der Anstalt" zu sehen und in den "Mitternachtsspitzen" im WDR (gibt´s die noch?).

Und so wird das Hauptproblem der neuen Sendung schnell klar. Das politische Geschehen kritisch und ironisch zu begleiten ist der Anspruch, aber manche Ensemblemitglieder sind dafür schlicht ungeeignet. Ingolf Lück zum Beispiel. Der Comedian aus Bielefeld war mit einer blamablen Strip-Performance zumindest mitschuldig am Reich-Ranicki-Eklat beim Fernsehpreis. Auch sonst zeigt sich Lück gern halbnackt auf der Bühne, ohne dabei witzig zu sein. Beim "Satire-Gipfel" versucht er ein paar Lacher über die Abwrackprämie zu erhaschen, wirklich erfolgreich ist er aber auch dabei nicht.

Die gute Nachricht: Lück blieb gestern die Ausnahme. Richling ist als alter Hase eine Konstante und als Parodist immer wieder schön anzusehen. Diesmal in der Rolle von Wirtschaftsminister Guttenberg. Die weiteren "Gäste" überzeugen: der junge Matthias Seling verkörpert perfekt die sinnvolle - und vor allem lustige - Kreuzung zwischen Kabarett und Comedy, Philipp Weber und Frank Lüdeke werden wohl auch noch öfter im Satire-Gipfel auftreten.

Die Blutauffrischung hat der Sendung gutgetan. Es fehlt noch einiges zum Scheibenwischer-Kaliber, doch die erste Ausgabe hat gezeigt, dass Potential in der Show steckt. Die Modernisierung der Bühnenausstattung war lange überfällig und eröffnet mehr Möglichkeiten. Als Schwachpunkt könnte sich die mangelnde Abstimmung zwischen den Künstlern herausstellen, da es keine Stammbesetzung mehr gibt. Ob sich der Satire-Gipfel wirklich durchsetzen kann, das muss und wird sich noch herausstellen.

"Schmidt & Pocher" haben das bereits hinter sich. Auf dem Quotenmarkt hat das prominente Duo erstaunlich wenig gerissen, im Mittelpunkt stand die Show meist nur wegen Nazometern, obszönen Gästen und Stauffenberg-Parodien. Seit klar ist, dass die Liaison demnächst beendet wird, geben sich die beiden anscheinend nicht einmal mehr richtig Mühe, lustig sein. Ein, zwei gute Sprüche in den Stand-ups am Anfang, mehr kommt meist nicht.

In den fast anderthalb Jahren haben die beiden einiges ausprobiert. Bayern-WG, Parodien, Helmut Zerlett, Fernsehschnipsel wie bei TV Total und vieles mehr. Als wirklich effektiv hat sich nichts davon erwiesen, so dass sowohl Harald Schmidt als auch Oliver Pocher am Ende wohl unbefriedigt aus der Verbindung hervorgehen. Gestern ein ähnliches Bild: langweilige Gäste (eine versiffte Seriencrew eines unbekannten Senders), kein wirklicher Kracher. Olli Pocher begibt sich als Marc Terenzi zum Sarah-Connor-Konzert und als Heiratsschwindler nach Zürich. Wie in den meisten Ausgaben ist der Studiosketch, bei dem Schmidt, Pocher und Zerlett diesmal die Finanzkrise als Kasperletheater spielten, der Höhepunkt.

Nun geht wohl jeder seinen eigenen Weg. Aus Schmidts Umfeld (Kogler!) wurde bereits früh laut, er wolle im Superwahljahr politischer werden. Mit Oliver Pocher, zugegebenermaßen ein guter Parodist, aber noch nicht besonders symbolträchtig, ist das offenbar nicht zu machen. In den ARD-Gremien genießt der junge Comedian keinen guten Ruf, dafür hat er aber in Programmchef Volker Herres einen mächtigen Fan. Doch was hilft´s, wenn Pocher anscheinend den Weg zu RTL anstrebt. Mit Günter Jauch hat er bereits eine Probesendung für seine neue Show aufgezeichnet.

Im Satire-/Kabarett-/Comedy-Genre oder wie man es nennen möchte tut sich also nicht viel in öffentlich-rechtlichen Sphären. Auf diesem Gebiet befindet sich das Privatfernsehen längst auf der Überholspur - mit Switch Reloaded, Stefan Raab und (schändlich zu sagen) auch Mario Barth. Bei ARD und ZDF ist der gute Witz und die intelligente Satire selten geworden. Einfach ist es wohl nicht, den öffentlich-rechtlichen Anstalten geziemenden Mittelweg zwischen Niveau und massenverträglicher Comedy zu finden. Ausnahmen gibt es aber doch: "Pelzig unterhält sich" und - wenn auch nicht politisch - "Die Krömer-Show", wo sich Sendung für Sendung mit spleenigen Moderatoren Szenen zwischen Genie und Wahnsinn zutragen. Noch allerdings versteckt die ARD diese Formate konsequent nach Mitternacht oder in Regional- und Digitalkanälen.

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Irrwege einer Nation, Befremden inklusive ...  (Gesehen) Verfasst: Mittwoch, den 04. März 2009 23:57

Die Hermannsschlacht - eine deutsche Betrachtung (nach C. D. Grabbe), Landestheater Detmold

 

JMS und ich besuchten heute Abend diese Aufführung. Leider gab man uns die schlechtesten Plätzen, wir konnten uns nicht bewegen und es war schrecklich eng. Egal. Hier im Lipperland ist der Hermann Kult. Da interessiert es wenig, dass die sagenumwobene Varusschlacht wohl doch nicht in dieser Gegend stattgefunden hat. Aber das Denkmal steht nun einmal hier - und mit welch sehnsuchtsvollem Blick sah man damals in diesen Mathe-Stunden hinüber zum berg, auf dem der Held das Schwert stolz Richtung Frankreich reckt. Da dachte man dann daran, vielleicht auf römischen Knochen seine Gleichungen zu lösen und wenn die Lehrkraft nicht schaute, sammelte man Ideen für das Hermann-Filmprojekt, das wie alle anderen Projekte jener Zeit im Sand verlaufen ist.

Nach regionalem Anstrich fahndet man in der Inszenierung am Landestheater Detmold, das im Varusjahr 2009 natürlich seiner kulturellen Verpflichtung nachzukommen sucht, aber vergeblich. Intendant Kay Metzger hatte höchstpersönlich die Regie übernommen und aus dem angeblich so nationalistischen Stück eine kategorische Absage an Vaterland und Nationalstolz gemacht. All das auf manchmal unterhaltsame, viel zu oft aber befremdliche Art und Weise.

Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Geschichte, der alles zusammenwirft, was er am Wegesrand findet. Der Beginn: unter Fliegeralarm rezitiert das Ensemble Erich Kästners Gedicht "Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen" mit dem unheilsschweren Schlussvers "Du kennst es nicht / Du wirst es kennenlernen." Es folgt "Kein schöner Land". Undsoweiterundsofort. Alles, was den deutschen Michel ausmacht, nimmt das Stück auf die Schippe: Volksmusik, die karikierte Schlafmützigkeit, Gartenzwerge und Schützenvereine. Selten mit Humor, aber dafür meistens mit erhobenem Zeigefinger und einem unhörbaren "Du darfst nicht ...".

Und so wird alles collagiert, was mit deutscher Geschichte und Identität zu tun hat - natürlich nur Negatives und Schändliches. Da wird frohgemut das Horst-Wessel-Lied gesungen und ein junger, überzeugter Nationalist meldet sich zum Frontdienst, um kurz danach den ehrenhaften und doch so jämmerlichen Tod auf dem Schlachtfeld zu sterben. Ständig werden diese Bruchstücke in den eigentlichen Stoff gemischt - die Hermannsschlacht. Die Geschichte ist schnell erzählt: Hermann lockt als Mitglied der römischen Truppen Varus und seine Legionen in einen Hinterhalt (im Hintergrund skandiert man "Wir sind das Volk"), wo sie von den germanischen Stämmen in drei Tagen und drei Nächten abgeschlachtet werden. Davon sieht man wenig, nur eine (im Wortsinn) Schlammschlacht zwischen Varus und Hermann, ein Rededuell, an dessen Ende sich Varus einen Eimer mit Schlamm über den Kopf stülpt, was wohl seinen Tod bedeuten soll. Die Nächte werden übrigens von einem Nummerngirl angezeigt und das ist einfach nur peinlich.

Hermann hat die Schlacht gewonnen, nun heißt es Platz machen für Adolf Hitler - seinen Nachfolger, wie das Stück es will. Wieder einmal wird zusammengemischt, was nicht zwangsläufig zusammen gehört. Hitler (den man auf dem Theater anscheinend in mindestens einer Szene lächerlich darstellen muss, sonst ist man wohl politisch unkorrekt) im Bademantel. Er spricht zu seiner Armee: ein paar Gartenzwerge in Hermann-Gestalt. In einer späteren Szene erweckt der Führer in Rattenfänger-Manier die gefallenen Soldaten des Dreißigjährigen Krieges und Ersten Weltkrieges. Natürlich gehört Hitler auch der Schluss mit einem seltsamen Monolog, an dessen Ende er verschwindet und sich erschießt.

Was also wollen uns Kay Metzger und Co. damit vermitteln? Hermann und Hitler gleichstellen? Es ist schrecklich, dass es anscheinend nicht möglich ist, eine Aufführung über eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte, gleichsam die Basis alles nachfolgenden Guten und Schlechten, zu produzieren, ohne dabei das leidige Thema Nationalsozialismus in den Vordergrund zu stellen. Niemand will dieses Thema totschweigen, wie öfter in dem Stück angedeutet, aber unstrittigerweise hat die deutsche Geschichte mehr hervorgebracht als größenwahnsinnige Diktatoren und pflichtbewusste Soldaten. Doch darüber verliert in der "Hermannsschlacht" niemand ein Wort. Die Botschaft, die dieses Stück zwischen den Zeilen zu vermitteln versucht, ist mehr als fragwürdig.

Ein gesunder deutscher Patriotismus oder Nationalstolz wird in der "Hermannsschlacht" von vornherein als verwerflich, schädlich abgetan. Dabei ist Deutschland mit ausgeglichenen Betrachtungen seiner Geschichte und seiner selbst nicht gerade gesegnet. Nationalität sei keine Qualität, nur eine Erwartung anderer.  Anscheinend gibt es auf dieser Welt nur eine Nation: die Menschen. Apropos Mensch: Bevor der Vorhang fällt, versammeln sich alle Darsteller auf der Bühne zu einer Grillparty und Hermann singt, in Pagenlivree und etwas schief, Herbert Grönemeyers "Mensch". Soviel dazu.

 

So besteht dieses Stück neben dem Hermann-Stoff nur aus hitlergrußzeigenden SS-Männern und den Briefen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ab und zu noch etwas mehr wie ein 68-er Gespräch oder ein Auszug aus dem RAF-Programm. Das ist mitunter ganz nett anzuschauen, doch eine Verbindung zwischen den einzelnen Szenen will sich meistens nicht einstellen. Da durfte mehr erwartet werden. Und so kam mir der Applaus am Ende auch eher als eine Höflichkeitsgeste, kurz und kühl, als wie eine begeisterte Anerkennung vor.

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Werther lebt! ...  (Gesehen) Verfasst: Sonntag, den 01. März 2009 11:56

Werther, Landestheater/Grabbe-Haus Detmold

Will und ich setzten gestern Abend das in die Tat um, was wir uns schon so lang vorgenommen hatten: den Besuch der Werther-Inzenierung im Grabbe-Haus in Detmold. Alexander Frank Zieglarski hat aus den "Leiden des jungen Werther" von Goethe ein Solotheaterstück geschaffen und die Rolle gleich selbst übernommen. Nicht, dass man etwas jemanden wie den Werther in Geld aufwiegen könnten, aber die 6€ (mit Dank an Will {#} ) haben sich zweifellos gelohnt.

Aus den Kritiken und meiner bescheidenen Erfahrung mit den Landestheater-Produktionen wurde ersichtlich, dass es sich nur um eine recht moderne Inszenierung des Stoffes handeln konnte. Etwas überrascht war ich dann aber doch, als die erste Szene mit der ersten Strophe des altbekannten "Du schreibst Geschichte" der Madsens eingeleitet wurde. Und doch: auf wen passt dieses Lied besser als auf unseren Werther, der seine Geschichte selbst schreibt und so herrlich unangepasst nur das tut, was sein Herz ihm sagt (Sportfreunde Stiller?)? Ein Holzverschlag mit Wellblechdach stellt die Kulisse dar. Nicht das einzige, was in dieser Mixtur aus alt und neu an das Dasein vor Edgar Wiebeau aus Plenzdorfs "neuen Leiden des jungen W." erinnert.

Der Text richtet sich größtenteils nach Goethes Briefroman. Die wichtigsten Zeilen dürfen natürlich nicht fehlen: Werther ist immer noch so froh, dass er weg ist; es ist immer noch ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht, er kehrt in sich selbst zurück und findet eine Welt und dann war da auch noch die Bekanntschaft, die sein Herz näher angeht. Eine Lotte gibt es nicht, vielleicht auch, weil dieses Ideal einfach zu groß ist.

Mit viel Leidenschaft und Kreativität geht Zieglarski die bewegte und bewegende Geschichte an. Immer wieder hantiert er mit Requisiten wie Regenschirm und Gitarre, singt, tanzt, macht Liegestützen, telefoniert. Die nicht immer ganz einfache Mischung aus klassischem Text und moderner Kulisse ist ab und an Gold wert, bspw. wenn Werthers Euphorie im entscheidenden Moment durch Autolärm ausgebremst wird. Das Stück wird durch scheinbar gegensätzliche Elemente wie Pop-/Countrymusik ("King of the Road") und andere Goethe-Texte ("Willkommen und Abschied", muss man auch erst erkennen, ne {#} ) ergänzt. Eine Art Tagesschau-Sprecher in einem Fernseh-Bildschirm spielt den Wilhelm. Und das Spielen mit der Soffleuse und der Vorlage ("immer dieser Goethe") fehlt auch nicht, ist bei Aufführungen im Grabbe-Haus aber schon eine Selbstverständlichkeit. Der gelungene erste Teil weicht einem zweiten Buch, das lieblos und fast unfreiwillig einfach heruntergespielt wird. Blödes Leben, blöde Gesellschaft, blöder Albert. Das Ende wird also ziemlich schwach vorbereitet.

Aber dann der Selbstmord. Leute, allein für diesen Selbstmord lohnt es sich, dieses Stück zu sehen!!! Ich habe noch nie etwas so geniales auf einer Theaterbühne gesehen wie diese Szene. Etwas obskur ist es schon, Werther erschießt sich nicht, sondern begießt sich erst mit Benzin und stirbt dann an einem Stromschlag, auch das eine Parallele zu Edgar. Das geht ordentlich ab. Wilhelm als Tagesschau-Sprecher liest dann noch den Epilog ("Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.") und gibt sich auch noch die Kugel. Keine Ahnung, warum.

Der Werther ist das Buch, das mich bisher am meisten bewegt hat und von dem ich am meisten gelernt habe. Werther ist mehr als eine Fiktion, Werther lebt, Werther ist mein Freund. Viele halten den Werther für Kitsch, aber wer ihn wie ich dreimal gelesen, der liebt ihn mit jedem Mal mehr. Beim ersten Mal in der Schule war es okay, beim zweiten Mal im April 2008 war es wie eine Offenbarung. Warum? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht weil dieser Mann mit seiner Leidenschaft und seiner Kompromisslosigkeit das lebt, was wir gerne wären: sein eigenes Leben mit Luft und Liebe, ohne zu fragen, was andere von ihm denken. Wir wären gern ein bisschen mehr Werther. Ich jedenfalls.

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Endprodukt gelungen ...  (Gesehen) Verfasst: Mittwoch, den 25. Februar 2009 12:46

"Operation Walküre", der Hollywood-Film mit Tom Cruise als Stauffenberg, ist einer der Filme, die man gesehen haben muss. Nicht weil er so überragend gut ist, sondern um mitreden zu können.

Operation Walküre (USA 2008)
Gestern Abend geschah es endlich. Nach langer Wartezeit durfte auch ich mir, gemeinsam mit Tommy und JMS, den Film "Operation Walküre" in einem Bielefelder Kino zu Gemüte führen. Soviel darf ich schon verraten: es hat sich gelohnt.

 

Aus der Geschichte lernen - das ist doch einer der Hauptgründe, warum es Filme wie diesen gibt. Den Machern von "Operation Alküre" bewiesen schon am Anfang, dass sie aus den Fehlern anderer gelernt haben. Tom Cruise trägt die Augenklappe historisch korrekt auf der linken Seite und nicht wie Sebastian Koch in der deutschen Verfilmung über dem falschen Auge. Auch sonst machte der Film, allen Kritikern zum Trotz, einen guten Eindruck.

 

Die Geschichte des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist weithin bekannt und doch ist sie es wert, immer wieder erzählt zu werden. Nazi-Militär, verwundet in Afrika, Hitler-Gegner, Attentat, Putschversuch, hingerichtet. Der Film erzählt die Geschichte Stauffenbergs und die Geschichte dieses 20. Juli 1944 nicht neu, was schon viel wert ist. Er erzählt sie nur einem größeren Publikum, der ganzen Welt nämlich.

In Zeiten, in denen Deutschland im internationalen Film nach wie vor nur als Ort abscheulicher Nazi-Erzählungen eine Rolle spielt, ist dieser Film endlich ein pompöser Zwischenruf. Stauffenberg als Mann und Soldat, der alles für die gute Sache tut, verkörpert genau den Heldentypus, nach dem Hollywood und der Rest der Welt beständig schreien. Wie ein Kaugummi hatten sich die leidigen Diskussionen um Tom Cruise als Widerstandskämpfer gezogen, insbesondere aufgrund Cruises Scientology-Verwicklung. Die Streitigkeiten sollten sich mit diesem Film erledigt haben.

Tom Cruise verleiht Stauffenberg nicht nur eine Präsenz und Feierlichkeit der besseren Sorte, er passt mit seinem Aussehen und seiner entscheidungsfreudigen, entschlossenen, selbstbewussten Art exakt in das Bild Stauffenbergs. Letztendlich zählt allein das und der Umstand, dass Cruise mit diesem Film das internationale Ansehen Deutschlands aus der Geschichte heraus zwar nicht endgültig revidiert, aber zum Nachdenken anregt. Alle Scientology-Diskussionen sind also Quatsch. Bei Fußballern und anderen Stars interessiert das auch niemanden, solange sie ihren Job gut machen.

Vom Hintergrund zum Sichtbaren. Leider nimmt der Film erst im mittleren Teil an Rasanz und Spannung auf, der Anfang verläuft doch recht schleppend. Doch umso mehr wird das Attentat als Zäsur der Story verstanden, die den Film in die richtige Richtung lenkt. Das Ende kommt ein wenig plötzlich - eben lief noch alles bestens, schon werden sie abgeknallt. Natürlich werden auch die dunklen Punkte in Stauffenbergs Biographie nicht abgehandelt. Aber wer will dem Regisseur einen Vorwurf machen? Bryan Singer hat sich eines komplexen Stoffes angenommen, der in 120 Minuten nur mit vielen Auslassungen, Kürzungen und Andeutungen darzustellen ist. Dafür wirkt aber nichts rein abgehakt, die meisten Szenen werden detailgetreu entwickelt und nachgezeichnet. "Operation Walküre" schweift nicht ab, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche - die Ereignisse des 20. Juli in Wolfsschanze und Bendlerblock. Zu dieser Konzentration auf das Wesentliche gehört eben auch, ausnahmsweise keine Frauengeschichte einzubauen. Wie uns das freut!

Die entscheidenden Momente kommen nicht übermäßig pathetisch, dafür aber präzise konstruiert daher. Es sind diese Szenen, die in wenigen Sekunden einen Sturm von Symbolen und Assoziationen auslösen und den Film am Leben halten. Zum Beispiel Stauffenbergs energischer Hitlergruß in Fromms Büro mit seinem amputierten Arm: eine Szene, die in einem Bild einen verletzten und enttäuschten Kämpfer, einen entschiedenen Rebellen und gleichsam die Verfassung des deutschen Traums von Lebensraum und Weltherrschaft zeigt. Singersetzt solche Szenen behutsam und durchaus zur rechten Zeit ein. Die Schauspielergarde hinterlässt einen ordentlichen Eindruck. Cruise wie gesagt gibt einen guten Stauffenberg ab, auch Christian Berkel (einer von mehreren Deutschen im Cast) weiß in seiner Nebenrolle zu überzeugen. David Bamber hingegen scheitert und spielt einen gräulich schlechten Adolf Hitler, der wohl auch aufgrund seiner anspruchsvollen Figur nur selten zu sehen ist.

 

Das Standgericht aus Tommy, JMS und Huge kommt also zu einem positiven Urteil. Es handelt sich zwar nicht, wie Tommy behauptete, um "einen der besten Filme". "Operation Walküre" ist ein schöner, ausdrucksstarker Film, der sich erfreulich nah an der historischen Wirklichkeit orientiert, auch wenn er bei mir nicht die ganz große Begeisterung auslösen konnte. Am Ende aber bleibt, dass sich ein lange umstrittener Film keine zu großen und zu offensichtlichen Schwächen geleistet hat. Und das ist schon mehr, als manche erwartet haben.

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Heute sinkt für Sie: das Niveau ...  (Gesehen) Verfasst: Donnerstag, den 22. Januar 2009 12:41

Während ich dieses schreibe, sitzen Sascha und ich in Sack und Asche und gedenken unter Tränen des geistigen Elends in diesem Lande. Nein, es geht nicht um Christoph Daum und auch nicht um Boris Becker und nicht einmal um die Blöd-Zeitung. Es geht um die schwer in Worte zu fassende, abgrundtiefe Blödsinnigkeit deutschen Fernsehens.

Es ist noch nicht lange her, da lehnte einer der wenigen verbliebenen wirklichen Intelektuellen in diesem Land den Fernsehpreis unter vehementer Kritik am (Privat-)Fernsehen ab. Was die folgende, erbitterte Qualitätsdiskussion bewirkt hat, lässt sich dieser Tage bei RTL und ProSieben bestaunen: gar nichts. RTL schickt einen Haufen "Prominenter" in den Dschungel Australiens zum Survivaltrip. Wobei die Bedeutung des Ausdrucks "Prominenter" ("solche Personen, die oft in der Öffentlichkeit auftreten") völlig neu definiert wird: Sechs Kandidaten kannte ich überhaupt nicht, den Rest hätte ich ohne Foto/Name auch nicht erkannt.

Da hocken sie dann also am anderen Ende der Welt (oder doch nur in einem Kölner Studio?), essen Känguruhoden und machen Bekanntschaft mit allerlei Getier. An Zuschauern mangelt es nicht: 4,59 Millionen schalteten zum Start des RTL-Dschungelcamps ein. Mit größtem Interesse wird dieses Trivial-Spektakel allerorten verfolgt. Dass BILD Online einen eigenen Reporter entsendet, hat uns nicht gewundert. Mehr schon, dass die TV-Redaktion der WELT ebenfalls eine halbwegs fähige Redakteurin abstellt, um täglich minutiös über die Geschehnisse der aktuellen Folge zu berichten. Sogar Hellmut Karasek meinte seine Senfspur hinterlassen zu müssen - auch wenn es ein gnadenloser Verriss war.

Dass die Skala des Niveaus von Null bis Hundert nach unten offen ist, hat mich dann doch gewundert. Denn wer meinte, im Dschungel Australiens sei der Tiefpunkt der TV-Kultur erreicht, täuscht sich. Schlimmer geht immer, ist die Botschaft der ProSieben-Show "The Next Uri Geller". Es ist erstaunlich, dass trotz der völlig offensichtlichen Fakes und Fehler diese Sendung anscheinend immer noch eine Faszination ausübt. Wobei die Spielchen mit den Zauberkoffern beinahe tödlich, in jedem Fall aber peinlich enden. Gegen so etwas wirkt "Deutschland sucht den Superstar" wie Oberschichtenfernsehen und Dieter Bohlen wie ein Tagesschau-Sprecher.

Ein bisschen stolz bin ich schon darauf, nie eine Sekunde weder vom Dschungelcamp noch Uri Geller noch Deutschland sucht den Superstar gesehen zu haben. Vielleicht wirft man mir jetzt vor (wenn man das hier lesen würde), ich könnte es nicht beurteilen. Vielleicht. Egal. Es bleibt unverständlich, wie sich intelligente Menschen solches Trash-TV allen Ernstes ansehen können. Vielleicht hat es etwas mit "Third-Person-Effect" zu tun. Auf jeden Fall wird es noch viele abgelehnte Fernsehpreise brauchen. Ob´s hilft?

Ich möchte niemandem zu nahe treten, der sich oben genannte TV-Produktionen mit Freude und Anteilnahme anschaut. Aber ich hatte auch nie Angst vor einer klaren Meinung.

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