Während Matthias
Richlings "Satire-Gipfel" als Scheibenwischer-Nachfolger anläuft,
geht die Zeit von "Schmidt & Pocher" unweigerlich dem Ende
entgegen. Beobachtungen an einem Satire-Abend im
Ersten.
Das breite Grinsen, mit dem sich Matthias Richling gestern Abend am
Ende seiner neuen Show verbeugte, war eine Mischung aus Glück und
Erleichterung. Mit dem "Scheibenwischer" ist eine Institution vom
Bildschirm verschwunden, der Übergang zum Nachfolger "Der
Satire-Gipfel" verlief nicht ganz geräuschlos. Gerne hätte Richling
den traditionsreichen Namen beibehalten und nur das Konzept
geändert, doch dieser Plan scheiterte am Veto von Erfinder Dieter
Hildebrandt, der sich über Anwalt und Medien zu Wort gemeldet
hat.
Viel ist tatsächlich nicht übrig geblieben vom Scheibenwischer. Das
ist durchaus Absicht, dem Vergleich mit dem Vorgänger wird das neue
Format mit dem großspurigen Namen dennoch nicht entgehen. Die
Kulissen wurden entrümpelt, Monitore angebracht und die Bühne
vergrößert. Grund genug für einen Glückwunsch, findet Richling in
seiner Begrüßung, "Sie haben eine neue Satireshow gewonnen." Neu
sind aber vor allem die Gesichter. Der grantlige Richard Rogler und
Bruno Jonas haben das Boot verlassen, nur Richling, der immer noch
aussieht wie ein Schuljunge, rudert weiter.
Politisches Kabarett ist es, was der Zuschauer sich seit
Jahrzehnten vom Scheibenwischer (ich kann mir nicht helfen,
Scheibenwischer bleibt Scheibenwischer) erwartet. Richling als
neuer Frontmann sieht das zwar auch so, aber lockerer als Übervater
Hildebrandt: er öffnet die Türen für Comedy, auch wenn die Grenze
fließend ist. An Substanz hat der Scheibenwischer in seiner letzten
Zeit ohnehin verloren, er lebte größtenteils von seiner Tradition.
Politisches Kabarett gab es nur noch im ZDF bei "Neues aus der
Anstalt" zu sehen und in den "Mitternachtsspitzen" im WDR (gibt´s
die noch?).
Und so wird das Hauptproblem der neuen Sendung schnell klar. Das
politische Geschehen kritisch und ironisch zu begleiten ist der
Anspruch, aber manche Ensemblemitglieder sind dafür schlicht
ungeeignet. Ingolf Lück zum Beispiel. Der Comedian aus Bielefeld
war mit einer blamablen Strip-Performance zumindest mitschuldig am
Reich-Ranicki-Eklat beim Fernsehpreis. Auch sonst zeigt sich Lück
gern halbnackt auf der Bühne, ohne dabei witzig zu sein. Beim
"Satire-Gipfel" versucht er ein paar Lacher über die Abwrackprämie
zu erhaschen, wirklich erfolgreich ist er aber auch dabei
nicht.
Die gute Nachricht: Lück blieb gestern die Ausnahme. Richling ist
als alter Hase eine Konstante und als Parodist immer wieder schön
anzusehen. Diesmal in der Rolle von Wirtschaftsminister Guttenberg.
Die weiteren "Gäste" überzeugen: der junge Matthias Seling
verkörpert perfekt die sinnvolle - und vor allem lustige - Kreuzung
zwischen Kabarett und Comedy, Philipp Weber und Frank Lüdeke werden
wohl auch noch öfter im Satire-Gipfel auftreten.
Die Blutauffrischung hat der Sendung gutgetan. Es fehlt noch
einiges zum Scheibenwischer-Kaliber, doch die erste Ausgabe hat
gezeigt, dass Potential in der Show steckt. Die Modernisierung der
Bühnenausstattung war lange überfällig und eröffnet mehr
Möglichkeiten. Als Schwachpunkt könnte sich die mangelnde
Abstimmung zwischen den Künstlern herausstellen, da es keine
Stammbesetzung mehr gibt. Ob sich der Satire-Gipfel wirklich
durchsetzen kann, das muss und wird sich noch herausstellen.
"Schmidt & Pocher" haben das bereits hinter sich. Auf dem
Quotenmarkt hat das prominente Duo erstaunlich wenig gerissen, im
Mittelpunkt stand die Show meist nur wegen Nazometern, obszönen
Gästen und Stauffenberg-Parodien. Seit klar ist, dass die Liaison
demnächst beendet wird, geben sich die beiden anscheinend nicht
einmal mehr richtig Mühe, lustig sein. Ein, zwei gute Sprüche in
den Stand-ups am Anfang, mehr kommt meist nicht.
In den fast anderthalb Jahren haben die beiden einiges ausprobiert.
Bayern-WG, Parodien, Helmut Zerlett, Fernsehschnipsel wie bei TV
Total und vieles mehr. Als wirklich effektiv hat sich nichts davon
erwiesen, so dass sowohl Harald Schmidt als auch Oliver Pocher am
Ende wohl unbefriedigt aus der Verbindung hervorgehen. Gestern ein
ähnliches Bild: langweilige Gäste (eine versiffte Seriencrew eines
unbekannten Senders), kein wirklicher Kracher. Olli Pocher begibt
sich als Marc Terenzi zum Sarah-Connor-Konzert und als
Heiratsschwindler nach Zürich. Wie in den meisten Ausgaben ist der
Studiosketch, bei dem Schmidt, Pocher und Zerlett diesmal die
Finanzkrise als Kasperletheater spielten, der Höhepunkt.
Nun geht wohl jeder seinen eigenen Weg. Aus Schmidts Umfeld
(Kogler!) wurde bereits früh laut, er wolle im Superwahljahr
politischer werden. Mit Oliver Pocher, zugegebenermaßen ein guter
Parodist, aber noch nicht besonders symbolträchtig, ist das
offenbar nicht zu machen. In den ARD-Gremien genießt der junge
Comedian keinen guten Ruf, dafür hat er aber in Programmchef Volker
Herres einen mächtigen Fan. Doch was hilft´s, wenn Pocher
anscheinend den Weg zu RTL anstrebt. Mit Günter Jauch hat er
bereits eine Probesendung für seine neue Show aufgezeichnet.
Im Satire-/Kabarett-/Comedy-Genre oder wie man es nennen möchte tut
sich also nicht viel in öffentlich-rechtlichen Sphären. Auf diesem
Gebiet befindet sich das Privatfernsehen längst auf der Überholspur
- mit Switch Reloaded, Stefan Raab und (schändlich zu sagen) auch
Mario Barth. Bei ARD und ZDF ist der gute Witz und die intelligente
Satire selten geworden. Einfach ist es wohl nicht, den
öffentlich-rechtlichen Anstalten geziemenden Mittelweg zwischen
Niveau und massenverträglicher Comedy zu finden. Ausnahmen gibt es
aber doch: "Pelzig unterhält sich" und - wenn auch nicht politisch
- "Die Krömer-Show", wo sich Sendung für Sendung mit spleenigen
Moderatoren Szenen zwischen Genie und Wahnsinn zutragen. Noch
allerdings versteckt die ARD diese Formate konsequent nach
Mitternacht oder in Regional- und Digitalkanälen.
Gesehen
Der Königsweg der Spaßgaleere ... (Gesehen) Verfasst: Freitag, den 20. März 2009 13:11
Irrwege einer Nation, Befremden inklusive ... (Gesehen) Verfasst: Mittwoch, den 04. März 2009 23:57
Die Hermannsschlacht - eine deutsche Betrachtung (nach C. D. Grabbe), Landestheater Detmold
JMS und ich besuchten heute Abend
diese Aufführung. Leider gab man uns die schlechtesten Plätzen, wir
konnten uns nicht bewegen und es war schrecklich eng. Egal. Hier im
Lipperland ist der Hermann Kult. Da interessiert es wenig, dass die
sagenumwobene Varusschlacht wohl doch nicht in dieser Gegend
stattgefunden hat. Aber das Denkmal steht nun einmal hier - und mit
welch sehnsuchtsvollem Blick sah man damals in diesen Mathe-Stunden
hinüber zum berg, auf dem der Held das Schwert stolz Richtung
Frankreich reckt. Da dachte man dann daran, vielleicht auf
römischen Knochen seine Gleichungen zu lösen und wenn die Lehrkraft
nicht schaute, sammelte man Ideen für das Hermann-Filmprojekt, das
wie alle anderen Projekte jener Zeit im Sand verlaufen ist.
Nach regionalem Anstrich fahndet man in der Inszenierung am
Landestheater Detmold, das im Varusjahr 2009 natürlich seiner
kulturellen Verpflichtung nachzukommen sucht, aber vergeblich.
Intendant Kay Metzger hatte höchstpersönlich die Regie übernommen
und aus dem angeblich so nationalistischen Stück eine kategorische
Absage an Vaterland und Nationalstolz gemacht. All das auf manchmal
unterhaltsame, viel zu oft aber befremdliche Art und Weise.
Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Geschichte, der alles
zusammenwirft, was er am Wegesrand findet. Der Beginn: unter
Fliegeralarm rezitiert das Ensemble Erich Kästners Gedicht "Kennst
Du das Land, wo die Kanonen blühen" mit dem unheilsschweren
Schlussvers "Du kennst es nicht / Du wirst es kennenlernen." Es
folgt "Kein schöner Land". Undsoweiterundsofort. Alles, was den
deutschen Michel ausmacht, nimmt das Stück auf die Schippe:
Volksmusik, die karikierte Schlafmützigkeit, Gartenzwerge und
Schützenvereine. Selten mit Humor, aber dafür meistens mit
erhobenem Zeigefinger und einem unhörbaren "Du darfst nicht
...".
Und so wird alles collagiert, was mit deutscher Geschichte und
Identität zu tun hat - natürlich nur Negatives und Schändliches. Da
wird frohgemut das Horst-Wessel-Lied gesungen und ein junger,
überzeugter Nationalist meldet sich zum Frontdienst, um kurz danach
den ehrenhaften und doch so jämmerlichen Tod auf dem Schlachtfeld
zu sterben. Ständig werden diese Bruchstücke in den eigentlichen
Stoff gemischt - die Hermannsschlacht. Die Geschichte ist schnell
erzählt: Hermann lockt als Mitglied der römischen Truppen Varus und
seine Legionen in einen Hinterhalt (im Hintergrund skandiert man
"Wir sind das Volk"), wo sie von den germanischen Stämmen in drei
Tagen und drei Nächten abgeschlachtet werden. Davon sieht man
wenig, nur eine (im Wortsinn) Schlammschlacht zwischen Varus und
Hermann, ein Rededuell, an dessen Ende sich Varus einen Eimer mit
Schlamm über den Kopf stülpt, was wohl seinen Tod bedeuten soll.
Die Nächte werden übrigens von einem Nummerngirl angezeigt und das
ist einfach nur peinlich.
Hermann hat die Schlacht gewonnen, nun heißt es Platz machen für
Adolf Hitler - seinen Nachfolger, wie das Stück es will. Wieder
einmal wird zusammengemischt, was nicht zwangsläufig zusammen
gehört. Hitler (den man auf dem Theater anscheinend in mindestens
einer Szene lächerlich darstellen muss, sonst ist man wohl
politisch unkorrekt) im Bademantel. Er spricht zu seiner Armee: ein
paar Gartenzwerge in Hermann-Gestalt. In einer späteren Szene
erweckt der Führer in Rattenfänger-Manier die gefallenen Soldaten
des Dreißigjährigen Krieges und Ersten Weltkrieges. Natürlich
gehört Hitler auch der Schluss mit einem seltsamen Monolog, an
dessen Ende er verschwindet und sich erschießt.
Was also wollen uns Kay Metzger und Co. damit vermitteln? Hermann
und Hitler gleichstellen? Es ist schrecklich, dass es anscheinend
nicht möglich ist, eine Aufführung über eines der wichtigsten
Ereignisse der deutschen Geschichte, gleichsam die Basis alles
nachfolgenden Guten und Schlechten, zu produzieren, ohne dabei das
leidige Thema Nationalsozialismus in den Vordergrund zu stellen.
Niemand will dieses Thema totschweigen, wie öfter in dem Stück
angedeutet, aber unstrittigerweise hat die deutsche Geschichte mehr
hervorgebracht als größenwahnsinnige Diktatoren und pflichtbewusste
Soldaten. Doch darüber verliert in der "Hermannsschlacht" niemand
ein Wort. Die Botschaft, die dieses Stück zwischen den Zeilen zu
vermitteln versucht, ist mehr als fragwürdig.
Ein gesunder deutscher Patriotismus oder Nationalstolz wird in der
"Hermannsschlacht" von vornherein als verwerflich, schädlich
abgetan. Dabei ist Deutschland mit ausgeglichenen Betrachtungen
seiner Geschichte und seiner selbst nicht gerade gesegnet.
Nationalität sei keine Qualität, nur eine Erwartung anderer.
Anscheinend gibt es auf dieser Welt nur eine Nation: die Menschen.
Apropos Mensch: Bevor der Vorhang fällt, versammeln sich alle
Darsteller auf der Bühne zu einer Grillparty und Hermann singt, in
Pagenlivree und etwas schief, Herbert Grönemeyers "Mensch". Soviel
dazu.
So besteht dieses Stück neben dem Hermann-Stoff nur aus hitlergrußzeigenden SS-Männern und den Briefen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ab und zu noch etwas mehr wie ein 68-er Gespräch oder ein Auszug aus dem RAF-Programm. Das ist mitunter ganz nett anzuschauen, doch eine Verbindung zwischen den einzelnen Szenen will sich meistens nicht einstellen. Da durfte mehr erwartet werden. Und so kam mir der Applaus am Ende auch eher als eine Höflichkeitsgeste, kurz und kühl, als wie eine begeisterte Anerkennung vor.
Werther lebt! ... (Gesehen) Verfasst: Sonntag, den 01. März 2009 11:56
Werther,
Landestheater/Grabbe-Haus Detmold
Will und ich setzten gestern Abend das in die Tat um, was wir uns
schon so lang vorgenommen hatten: den Besuch der
Werther-Inzenierung im Grabbe-Haus in Detmold. Alexander Frank
Zieglarski hat aus den "Leiden des jungen Werther" von Goethe ein
Solotheaterstück geschaffen und die Rolle gleich selbst übernommen.
Nicht, dass man etwas jemanden wie den
Werther in Geld aufwiegen könnten, aber die 6€ (mit Dank an
Will
) haben sich zweifellos gelohnt.
Aus den Kritiken und meiner bescheidenen Erfahrung mit den
Landestheater-Produktionen wurde ersichtlich, dass es sich nur um
eine recht moderne Inszenierung des Stoffes handeln konnte. Etwas
überrascht war ich dann aber doch, als die erste Szene mit der
ersten Strophe des altbekannten "Du schreibst Geschichte" der
Madsens eingeleitet wurde. Und doch: auf wen passt dieses Lied
besser als auf unseren Werther, der seine Geschichte selbst
schreibt und so herrlich unangepasst nur das tut, was sein Herz ihm
sagt (Sportfreunde Stiller?)? Ein Holzverschlag mit Wellblechdach
stellt die Kulisse dar. Nicht das einzige, was in dieser Mixtur aus
alt und neu an das Dasein vor Edgar Wiebeau aus Plenzdorfs "neuen
Leiden des jungen W." erinnert.
Der Text richtet sich größtenteils nach Goethes Briefroman. Die
wichtigsten Zeilen dürfen natürlich nicht fehlen: Werther ist immer
noch so froh, dass er weg ist; es ist immer noch ein einförmiges
Ding um das Menschengeschlecht, er kehrt in sich selbst zurück und
findet eine Welt und dann war da auch noch die Bekanntschaft, die
sein Herz näher angeht. Eine Lotte gibt es nicht, vielleicht auch,
weil dieses Ideal einfach zu groß ist.
Mit viel Leidenschaft und Kreativität geht Zieglarski die bewegte
und bewegende Geschichte an. Immer wieder hantiert er mit
Requisiten wie Regenschirm und Gitarre, singt, tanzt, macht
Liegestützen, telefoniert. Die nicht immer ganz einfache Mischung
aus klassischem Text und moderner Kulisse ist ab und an Gold wert,
bspw. wenn Werthers Euphorie im entscheidenden Moment durch
Autolärm ausgebremst wird. Das Stück wird durch scheinbar
gegensätzliche Elemente wie Pop-/Countrymusik ("King of the Road")
und andere Goethe-Texte ("Willkommen und Abschied", muss man auch
erst erkennen, ne
) ergänzt. Eine Art Tagesschau-Sprecher in
einem Fernseh-Bildschirm spielt den Wilhelm. Und das Spielen mit
der Soffleuse und der Vorlage ("immer dieser Goethe") fehlt auch
nicht, ist bei Aufführungen im Grabbe-Haus aber schon eine
Selbstverständlichkeit. Der gelungene erste Teil weicht einem
zweiten Buch, das lieblos und fast unfreiwillig einfach
heruntergespielt wird. Blödes Leben, blöde Gesellschaft, blöder
Albert. Das Ende wird also ziemlich schwach vorbereitet.
Aber dann der Selbstmord. Leute, allein für diesen Selbstmord lohnt
es sich, dieses Stück zu sehen!!! Ich habe noch nie etwas so
geniales auf einer Theaterbühne gesehen wie diese Szene. Etwas
obskur ist es schon, Werther erschießt sich nicht, sondern begießt
sich erst mit Benzin und stirbt dann an einem Stromschlag, auch das
eine Parallele zu Edgar. Das geht ordentlich ab. Wilhelm als
Tagesschau-Sprecher liest dann noch den Epilog ("Handwerker trugen
ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.") und gibt sich auch noch
die Kugel. Keine Ahnung, warum.
Der Werther ist das Buch, das mich bisher am meisten bewegt hat und
von dem ich am meisten gelernt habe. Werther ist mehr als eine
Fiktion, Werther lebt, Werther ist mein Freund. Viele halten den
Werther für Kitsch, aber wer ihn wie ich dreimal gelesen, der liebt
ihn mit jedem Mal mehr. Beim ersten Mal in der Schule war es okay,
beim zweiten Mal im April 2008 war es wie eine Offenbarung. Warum?
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht weil dieser Mann mit seiner
Leidenschaft und seiner Kompromisslosigkeit das lebt, was wir gerne
wären: sein eigenes Leben mit Luft und Liebe, ohne zu fragen, was
andere von ihm denken. Wir wären gern ein bisschen mehr Werther.
Ich jedenfalls.
Endprodukt gelungen ... (Gesehen) Verfasst: Mittwoch, den 25. Februar 2009 12:46
"Operation Walküre",
der Hollywood-Film mit Tom Cruise als Stauffenberg, ist einer der
Filme, die man gesehen haben muss. Nicht weil er so überragend gut
ist, sondern um mitreden zu können.
Operation Walküre
(USA 2008)
Gestern Abend geschah es endlich. Nach langer Wartezeit durfte auch
ich mir, gemeinsam mit Tommy und JMS, den Film "Operation Walküre"
in einem Bielefelder Kino zu Gemüte führen. Soviel darf ich schon
verraten: es hat sich gelohnt.
Aus der Geschichte lernen - das ist doch einer der Hauptgründe, warum es Filme wie diesen gibt. Den Machern von "Operation Alküre" bewiesen schon am Anfang, dass sie aus den Fehlern anderer gelernt haben. Tom Cruise trägt die Augenklappe historisch korrekt auf der linken Seite und nicht wie Sebastian Koch in der deutschen Verfilmung über dem falschen Auge. Auch sonst machte der Film, allen Kritikern zum Trotz, einen guten Eindruck.
Die Geschichte des Oberst Claus
Schenk Graf von Stauffenberg ist weithin bekannt und doch ist sie
es wert, immer wieder erzählt zu werden. Nazi-Militär, verwundet in
Afrika, Hitler-Gegner, Attentat, Putschversuch, hingerichtet. Der
Film erzählt die Geschichte Stauffenbergs und die Geschichte dieses
20. Juli 1944 nicht neu, was schon viel wert ist. Er erzählt sie
nur einem größeren Publikum, der ganzen Welt nämlich.
In Zeiten, in denen Deutschland im internationalen Film nach wie
vor nur als Ort abscheulicher Nazi-Erzählungen eine Rolle spielt,
ist dieser Film endlich ein pompöser Zwischenruf. Stauffenberg als
Mann und Soldat, der alles für die gute Sache tut, verkörpert genau
den Heldentypus, nach dem Hollywood und der Rest der Welt beständig
schreien. Wie ein Kaugummi hatten sich die leidigen Diskussionen um
Tom Cruise als Widerstandskämpfer gezogen, insbesondere aufgrund
Cruises Scientology-Verwicklung. Die Streitigkeiten sollten sich
mit diesem Film erledigt haben.
Tom Cruise verleiht Stauffenberg nicht nur eine Präsenz und
Feierlichkeit der besseren Sorte, er passt mit seinem Aussehen und
seiner entscheidungsfreudigen, entschlossenen, selbstbewussten Art
exakt in das Bild Stauffenbergs. Letztendlich zählt allein das und
der Umstand, dass Cruise mit diesem Film das internationale Ansehen
Deutschlands aus der Geschichte heraus zwar nicht endgültig
revidiert, aber zum Nachdenken anregt. Alle
Scientology-Diskussionen sind also Quatsch. Bei Fußballern und
anderen Stars interessiert das auch niemanden, solange sie ihren
Job gut machen.
Vom Hintergrund zum Sichtbaren. Leider nimmt der Film erst im
mittleren Teil an Rasanz und Spannung auf, der Anfang verläuft doch
recht schleppend. Doch umso mehr wird das Attentat als Zäsur der
Story verstanden, die den Film in die richtige Richtung lenkt. Das
Ende kommt ein wenig plötzlich - eben lief noch alles bestens,
schon werden sie abgeknallt. Natürlich werden auch die dunklen
Punkte in Stauffenbergs Biographie nicht abgehandelt. Aber wer will
dem Regisseur einen Vorwurf machen? Bryan Singer hat sich eines
komplexen Stoffes angenommen, der in 120 Minuten nur mit vielen
Auslassungen, Kürzungen und Andeutungen darzustellen ist. Dafür
wirkt aber nichts rein abgehakt, die meisten Szenen werden
detailgetreu entwickelt und nachgezeichnet. "Operation Walküre"
schweift nicht ab, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche -
die Ereignisse des 20. Juli in Wolfsschanze und Bendlerblock. Zu
dieser Konzentration auf das Wesentliche gehört eben auch,
ausnahmsweise keine Frauengeschichte einzubauen. Wie uns das
freut!
Die entscheidenden Momente kommen nicht übermäßig pathetisch, dafür
aber präzise konstruiert daher. Es sind diese Szenen, die in
wenigen Sekunden einen Sturm von Symbolen und Assoziationen
auslösen und den Film am Leben halten. Zum Beispiel Stauffenbergs
energischer Hitlergruß in Fromms Büro mit seinem amputierten Arm:
eine Szene, die in einem Bild einen verletzten und enttäuschten
Kämpfer, einen entschiedenen Rebellen und gleichsam die Verfassung
des deutschen Traums von Lebensraum und Weltherrschaft zeigt.
Singersetzt solche Szenen behutsam und durchaus zur rechten Zeit
ein. Die Schauspielergarde hinterlässt einen ordentlichen Eindruck.
Cruise wie gesagt gibt einen guten Stauffenberg ab, auch Christian
Berkel (einer von mehreren Deutschen im Cast) weiß in seiner
Nebenrolle zu überzeugen. David Bamber hingegen scheitert und
spielt einen gräulich schlechten Adolf Hitler, der wohl auch
aufgrund seiner anspruchsvollen Figur nur selten zu sehen ist.
Das Standgericht aus Tommy, JMS und Huge kommt also zu einem positiven Urteil. Es handelt sich zwar nicht, wie Tommy behauptete, um "einen der besten Filme". "Operation Walküre" ist ein schöner, ausdrucksstarker Film, der sich erfreulich nah an der historischen Wirklichkeit orientiert, auch wenn er bei mir nicht die ganz große Begeisterung auslösen konnte. Am Ende aber bleibt, dass sich ein lange umstrittener Film keine zu großen und zu offensichtlichen Schwächen geleistet hat. Und das ist schon mehr, als manche erwartet haben.
Heute sinkt für Sie: das Niveau ... (Gesehen) Verfasst: Donnerstag, den 22. Januar 2009 12:41
Während ich dieses schreibe, sitzen
Sascha und ich in Sack und Asche und gedenken unter Tränen des
geistigen Elends in diesem Lande. Nein, es geht nicht um Christoph
Daum und auch nicht um Boris Becker und nicht einmal um die
Blöd-Zeitung. Es geht um die schwer in Worte zu fassende,
abgrundtiefe Blödsinnigkeit deutschen
Fernsehens.
Es ist noch nicht lange her, da lehnte einer der wenigen
verbliebenen wirklichen Intelektuellen in diesem Land den
Fernsehpreis unter vehementer Kritik am (Privat-)Fernsehen ab.
Was die folgende, erbitterte Qualitätsdiskussion bewirkt hat, lässt
sich dieser Tage bei RTL und ProSieben bestaunen:
gar nichts. RTL schickt einen Haufen "Prominenter" in den Dschungel
Australiens zum Survivaltrip. Wobei die Bedeutung des Ausdrucks
"Prominenter" ("solche Personen, die oft in der Öffentlichkeit
auftreten") völlig neu definiert wird: Sechs Kandidaten kannte
ich überhaupt nicht, den Rest hätte ich ohne Foto/Name auch nicht
erkannt.
Da hocken sie dann also am anderen Ende der Welt (oder doch nur in
einem Kölner Studio?), essen Känguruhoden und machen Bekanntschaft
mit allerlei Getier. An Zuschauern mangelt es nicht: 4,59 Millionen
schalteten zum Start des RTL-Dschungelcamps ein.
Mit größtem Interesse wird dieses Trivial-Spektakel allerorten
verfolgt. Dass BILD Online einen eigenen Reporter entsendet, hat
uns nicht gewundert. Mehr schon, dass die TV-Redaktion der WELT
ebenfalls eine halbwegs fähige Redakteurin abstellt, um täglich
minutiös über die Geschehnisse der aktuellen Folge zu
berichten. Sogar Hellmut Karasek meinte seine Senfspur
hinterlassen zu müssen - auch wenn es ein gnadenloser Verriss
war.
Dass die Skala des Niveaus von Null bis Hundert nach unten offen
ist, hat mich dann doch gewundert. Denn wer meinte, im Dschungel
Australiens sei der Tiefpunkt der TV-Kultur erreicht, täuscht sich.
Schlimmer geht immer, ist die Botschaft der
ProSieben-Show "The Next Uri Geller". Es ist
erstaunlich, dass trotz der völlig offensichtlichen Fakes und
Fehler diese Sendung anscheinend immer noch eine Faszination
ausübt. Wobei die Spielchen mit den Zauberkoffern beinahe
tödlich, in jedem Fall aber peinlich enden. Gegen so etwas
wirkt "Deutschland sucht den Superstar" wie Oberschichtenfernsehen
und Dieter Bohlen wie ein Tagesschau-Sprecher.
Ein bisschen stolz bin ich schon darauf, nie eine Sekunde weder vom
Dschungelcamp noch Uri Geller noch Deutschland sucht den Superstar
gesehen zu haben. Vielleicht wirft man mir jetzt vor (wenn man das
hier lesen würde), ich könnte es nicht beurteilen. Vielleicht.
Egal. Es bleibt unverständlich, wie sich intelligente Menschen
solches Trash-TV allen Ernstes ansehen können. Vielleicht hat es
etwas mit "Third-Person-Effect" zu tun. Auf jeden Fall wird es noch
viele abgelehnte Fernsehpreise brauchen. Ob´s hilft?
Ich möchte niemandem zu nahe treten, der sich oben
genannte TV-Produktionen mit Freude und Anteilnahme anschaut. Aber
ich hatte auch nie Angst vor einer klaren Meinung.


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